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Helmut Gebhard

Erinnerungen an Sep Ruf (17) – Helmut Gebhard (1926–2015)

Die Schwester von Sep Rufs Vater war die Großmutter von Helmut Gebhard. Im ersten eigenen Haus, das Sep Ruf in Gmund am Tegernsee am Herzogweg baute, wurde mit der Familie Gebhard und den Freunden musiziert. Sep Rufs Frau, Aloisia, spielte Klavier und Sep Ruf lernte in dieser Zeit mit großem Ernst, Geige. Max Gebhard, der Vater von Helmut Gebhard war Direktor des Konservatoriums für Musik in Nürnberg und hatte ihm zu dem Instrument geraten.

Helmut Gebhard studierte Architektur, 1967 wurde er Ordinarius für Bauen im ländlichen Raum an der Technischen Universität München. Er war Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung, Mitglied und Direktor der Abteilung der Bildenden Kunst der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und langjähriger Schriftleiter des „Bauberaters“, der Zeitschrift des Bayerischen Landesvereins zur Heimatpflege. Gebhard erwarb große Verdienste für die Kultur und Tradition auf dem Lande

Helmut Gebhard zu Person und Herkunft von Sep Ruf

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Lebhaft stehen mir frühe Begegnungen mit Sep Ruf in der nahen Verwandtschaft vor Augen – sein Vater war ein Bruder meiner Großmutter, Auguste Ruf. Durch seine wache Intelligenz und die Großzügigkeit seines Wesens, aber ebenso durch seine hochgewachsene Erscheinung beeindruckte er die ganze Familie. Die vor allem durch die gegenseitige Sympathie der Frauen zusammengehaltene Familie traf sich zu Besuchen und Ferien in Dinkelsbühl, München, Nürnberg und Gmund am Tegernsee. Unvergesslich bleibt mir dabei die mitreißende Zuversicht von Sep, eine bessere Welt durch Werke zeitgenössischer Kunst und Forschungserfolge der Wissenschaften herbeiführen zu können. Von diesen Zukunftsperspektiven fühlte er sich aufgerufen, mit allen Kräften seiner künstlerischen Begabung beizutragen, die kulturellen Energien aus den alltäglichen Verschüttungen zu befreien und sie in ihren wahren Verhältnissen zur Entfaltung zu bringen.

Um in dem vom Krieg zerstörten München 1947 mein Studium an der Technischen Hochschule beginnen zu können, bot mir Sep Ruf eine Schlafstelle in seinen wieder aufgebauten Atelierräumen im Dachgeschoss Giselastraße 21/23 an. Dort erlebte ich, bis ich 1950 in das Maximilianeum umziehen konnte, die gesamte konkrete Architektentätigkeit eines noch kleinen Büros von vier Mitarbeitern, das sich »Atelier Sep Ruf« nannte.

Entwürfe und Eingabepläne mit Raummaßen und Konstruktionsdetails zeichnete Sep Ruf alle selbst. Am Wochenbeginn brachte er von Gmund die auf Transparentpapier mit Tusche und Bleistift sorgfältig ausgearbeiteten Pläne mit, die seine außer gewöhnliche Begabung in der Gestaltung von Baukörpern und Raumverhältnissen offenbarten. Licht und Schatten, Laubbäume und Gartenflächen verbanden sich zur Vision einer besseren Zukunft durch ein neues Bauen. Die großzügigen Raumfolgen und die gegliederte Ganzheit der Gesamtanlage erreichten, selbst in bescheidenen Projekten, eine Gestalthöhe, die als Komposition von überzeugender Schönheit aus den sich gegenseitig steigernden Elementen entstand.

Bleibende Eindrücke vermittelte mir ein Baustellenbesuch des Hauses Vetter in Feldkirchen 1946, zu dem er mich in seinem offenen MG-Sportwagen mitnahm. Grundlinien des neuen Bauens wurden hier Realität, z.B. große, weiße Mauerscheiben, getrennt von sturzlos bis zur Decke hochgeführten Türelementen, durchgehende Glas fronten, gegliedert von dem regelmäßigen Rhythmus runder Säulen als Tragkonstruktion der weit auskragenden Walmdächer. Hier zeigten sich in Holz konstruiert schon die später in Stahl und Beton weitergeführten Gestaltmerkmale seines Bauens.

Auch die intensive Arbeit am Wettbewerb für die Staatsbank in Nürnberg ist mir in ihrer künstlerischen Atmosphäre gegenwärtig. Die Nähe zur gotischen St. Lorenzkirche mit dem berühmten Hallenchor stellte eine besondere Herausforderung zwischen städtebaulichem Ensemble und der Selbstbehauptung einer zeitgenössischen Baugestaltung dar.

Nach Entwurf der räumlichen Disposition skizzierte Sep Ruf während der Diskussion im Atelier mehrere Varianten. Für den asymmetrisch angeordneten Haupteingang gelang ihm eine vertikale Gesamtgestaltung.

Sie begann mit einer vorgelegten Freitreppe zu den Glastüren des Eingangs, darüber in konsequenter Fortsetzung die Fenstertüren des Balkons. Über dem auskragenden Dach setzten drei hohe Fahnenmasten die vertikalen Linien fort. Auch die Leuchtschrift »Bayerische Staatsbank« war auf die große Komposition abgestimmt und steigerte die Gesamtarchitektur. Zu dem überregionalen Erfolg des Staatsbankneubaus in Nürnberg hat auch eine noble, neu durch Sep Ruf eingesetzte Proportionsfolge der Fensterwände beigetragen. In dem unterschiedlichen Rhythmus eines dominanten, breiten Mittelfeldes, das auf beiden Seiten symmetrisch von schmalen Seitenfeldern begleitet wird, entsteht eine Würdeform einfachster Ausprägung, die zu ihrer Bedeutung keines zusätzlichen Ornamentschmucks bedarf, sondern allein aus sich selbst ihre Wirkung entfaltet. Sep Ruf hat mit diesen Proportionen eine Reihe nachfolgender öffentlicher Bauten, wie die Maxburg und das Heisenberg-Institut in München, den Bau der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn u. a. gestaltet. Er hat das Motiv des Andrea Palladio (1518–1580) in seine Formensprache übersetzt, es nicht kopiert, sondern weiterentwickelt.

Sep Ruf war von den Werten europäischer Kultur im Inneren berührt und suchte ihnen durch seine Werke zeitgenössische Antworten zur Seite zu stellen. Seine Bauten sind Leuchttürme der neuen Architektur und sollten als Zeugnisse des 20. Jahrhunderts auch für die Zukunft weiter bestehen.

Helmut Gebhard, Zu Person und Herkunft, in: Winfried Nerdingr, Sep Ruf. Moderne mit Tradition, München 2008, S. 196

>>> Vortrag von Helmut Gebhard zum 100. Geburtstag von Sep Ruf in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 2008

Beitragsfoto: Sep Ruf, Haus Vetter, Feldkirchen, 1947

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